Ein Hörspiel im konkreten Raum

    Ein Hörspiel, das der Hörer mit Sinneseindrücken eines Weges verbinden kann, ist ein Experiment. Die Arbeitsweise lässt sich jedoch an einer bekannten Kunstform erklären: Programmmusik. Programmusik ist eine Komposition, deren Tonsprache im Gegensatz zu absoluter Musik von einem außerhalb der Musik liegenden Geschehen bestimmt ist und mit musikalischen Mitteln ausgedrückt wird. Der Ablauf der Musik ist vorgezeichnet, sie vollzieht jenseits der Sprache ein Muster nach, umspannt den Text mit emotionalem und assoziativem Material. In diesem Sinne ist der „Geh-Hör-Gang“ ein „Programmhörspiel“. Das Programm ist der Weg. Allerdings ist der künstlerische Prozess ein Gegenteiliger: Der Text versucht sich in eine vorgezeichnete Landschaft zu fügen, die emotional gänzlich unterschiedliches vorgibt: Eine liebliche Parklandschaft wie der Ölberg, urbane Vielfalt wie die historisch bebaute Bogstraße, zwielichtige Hinterhofatmosphäre wie am Lut hersteig oder der halbverwitterte Nikolaifriedhof. Jeder Ort hat seine eigene Botschaft. Der Weg ist so gewählt, dass er nicht nur Orte mit einer starken Ausstrahlung streift, sondern auch Schauplätze, die für die historisch belegte, tragische Liebesgeschichte zwischen Georg Emmerich und Benigna Horschel von Bedeutung sind. Kern der ganzen Geschichte sind jedoch die inhaltlichen Bezüge der biblischen Landschaft, in das das Heilige Grab in Görlitz, nach dem Vorbild in Jerusalem eingebunden ist. Der „Geh-Hör-Gänger“ wird also in doppeltem Sinne auf das Heilige Grab zugeführt: Durch den konkreten Raum und literarisch über die Hintergründe, die zu seinem Bau führten.

    Normalerweise bedarf es zum wirklichen Verständnis einer Programmmusik der Kenntnis des Programms, nach der sie geschrieben wurde. In gleicher Weise wird sich dem Hörer des „Geh-Hör-Gangs“ nur die künstlerische Intention erschließen, wenn er sich als Pilger auf den Weg durch die historische Altstadt von Görlitz über den Karfreitagsprozessionsweg zum Heiligen Grab begibt.